Reise blog von Travellerspoint

Liebesbrief an eine Stadt die niemals schläft

sunny

Nein es ist nicht New York, New York es ist Kairo, Kairo. Und gerade hasse ich diese Stadt wie die Pest. Dreckig und beschissen scheisse laut, weil von diesen 20 Millionen Menschen gerade 5 gefühlte Millionen davon unten auf der 26. Juli und Tahrir Straße um die Wette fahren und hupen. Aaaaaaahhhh...

Das hab ich leider mitgemietet als ich in die neue heißgeliebte - ich liebe sie wirklich - Wohnung gezogen bin. Hohe Decken und gaanz viel Platz kämpfen um die Wette mit dem gehassten „Achtung ich komme und stoppe weder für Rentner noch kleine Kinder“-Gehupe. Wieso stopft denen denn niemand ab 1.00 Uhr die Hupen und den Auspuff bitte schön? Das bekommen diese Polizisten, von denen an jeder Ecke mindestens drei stehen und den Verkehr pseudo-regeln, wohl auch noch hin. Denn die Ampeln, mit Sekundenanzeiger, die dir eher das Gefühl von Restüberlebenszeit geben, statt Sicherheit., Rahmen nur die weiße Maus in der Mitte ein.

Der Frust steigert sich mit jeder Minute, die diese schss-bschssene* Klimaanlage nicht funktioniert. Ja von wegen „on/off“ drücken und dann funktioniert dieser externe Wasserspeier für kühle Luft. Gestern in der Nacht bin ich wach geworden, weil der alte Herr sich anscheinend verschluckt hat und irgendwas falsche angesaugt hatte, es hört sich an, als ob etwas gehäckselt wird. Ich hatte nur indirekt gehofft es war kein Vogel oder was auch immer geartetes. Dieses Nachtprogramm viel mir morgens um 7.00 Uhr wieder ein, als ich auf den Nachttisch guckte und viele kleine schwarze – undefinierbare – Stückchen rumliegen sah. Sieht aus wie Asche, aber ich will darüber gar nicht weiter nachdenken um ehrlich zu sein.

Jetzt hoffe ich mal, dass der alte Mann sich bald austikscht** und anschaltet, weil ich soo definitiv nicht schlafen kann. Die Haare kleben im Nacken und das Schlafhemd ist alles andere locker-fluffig-leicht auf der Haut, um das Ganze nicht zu entzaubernd darzustellen. Apropos entzaubernd.

Eine neue Stadt und vor allem jenseits des Weisswurstäquators und des Mittelmeerraumes ist wahnsinnig spannend. Es ist ein schon fast schizophrenes Gefühl, diese Hassliebe. Eine Sprache, die ich nicht ausreichend spreche und vor allem nicht lesen kann, ist eine Herausforderung solange du nicht dringend darauf angewiesen bist. Mein arrogantes Fusha-Arabisch*** versteht hier leider keine Sau.. Und da sind selbst die paar vorhandenen Arabischflusen manchmal mehr sinnlos, als –voll. Nüscht**** mehr mit postivem Denken. Nada, njente, null. Dank meiner Mitbewohnerin, die sich köstlich über mein „Akzent“ amüsiert, ist mir da eine große Hilfe. Und ich hoffe, dass dank meiner baldigen „Ägyptisch“-Lehrerin die Suche nach der richtigen Tonierung des Wortes Shara’a El-Hegaz in allen erdenklichen Möglichkeiten, bald ein Ende hat. Al hamduliallah*****! Der letzte Taxifahrer zur Arbeit in Heliopolis hatte den Ahaeffekt als ich dann endlich die Betonung Äl Hägäässs“ gefunden hatte. Jeduld und arabische Welt ist so untrennbar wie die Tatsache, dass es auch bald Atomkraftwerke an ihrem Mittelmeerstrand geben wird lieber Urlauber! Richtig gehört, die Atomkraftwerke werden auch bald in Ägypten, Jordanien wissen wir ja bereits, wie Pilze aus dem Boden schießen. Aber das ist eine andere Geschichte und führt zu sehr ins Berufsleben. Und wir haben ja Feierabend.

So, jetzt ist die Wut un petit peux verpufft und das tiefe Einatmen im Luftkurort Kairo hat mir das Gefühl genommen eine Zigarette zu benötigen. Denn was da draußen so rumschwirrt, gibt meiner Lunge immer ordentlich das Gefühl, ein Kettenraucher zu sein. Gut so, da haben alle Sinne was von meinem Aufenthalt hier. Ich werde mich dann mal in den Schlaf hupen lassen oder wahlweise in den Schlaf ohrfeigen für die Oropax, die 4 Flugstunden entfernt von mir liegen. To-do-Liste für morgen: in der Stadt ohne Ladenschlussgesetz Oropax und Ventilator kaufen. Für morgen!

Bonnuit liebes Kairo, liebe Wast al-Balad****** Bewohner, ich bin dann mal auf der Couch!

Fremdwörter:

  • unangebrachter Gefühlsausbruch, eigentliche Aussage „blumenberankte“
  • * ostsächsisch für eingeschnappt sein, nicht seinen Willen bekommen und jede weitere Handlung ablehnen
  • ** Hocharabisch, gesprochen in u.a. Jordanien und Syrien
  • *** ostsächsisch für Nichts
  • **** Arabisch für Gott sein Dank
  • ***** Fusha-Arabisch für Altstadt

Eingestellt von mylomar 10:42 Archiviert in Ägypten

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